Tödlicher Kompromiss
Vergleiche auch: "Du Psycho!", Kampfauftrag Kind.

Tödlicher Kompromiss

In Hamburg wurde ein dreijàhriges Mädchen totgeprügelt. Eine Richterin hatte das Kind wieder zu den Eltern geschickt, obwohl ein Jugendamt davor gewarnt hatte. Von Gunther Latsch

Anfang Mai ware Yagmur noch zu retten gewesen. Eine Familienrichterin am Amtsgericht Hamburg-St. Georg hätte den Tod des Kindes vielleicht verhindern konnen - und auch das Martyrium davor.

Der Riss der Leber, der dazu führte, dass das Mädchen am Morgen des 18. Dezember in der Wohnung seiner Eltern innerlich verblutete, war nur die schwerste vieler schwerer Verletzungen, die Gerichtsmediziner bei der Obduktion entdeckten. Mehrere schlechtverheilte Rippenbrüche, dazu Armfrakturen sowie Blutergüsse am gesamten Körper - all das lässt ahnen, mit welcher Brutalität die Dreijahrige monatelang misshandelt wurde, mutmäßlich von ihrem Vater.

Doch die Richterin, die am 7. Mai über Yagmurs weiteren Lebensweg entschied, einigte sich mit dem Anwalt der Eltern und einer Expertin des Jugendamts auf einen Kompromiss: die von Jugendhelfern begleitete Rückkehr des Kindes zu seinen leiblichen Eltern.

Dabei lag ein Antrag auf Entziehung des Sorgerechts seit Februar in den Akten. Das Jugendamt Hamburg-Eimsbüttel hatte ihn gestellt, weil die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen Yagmurs Eltern wegen des Verdachts ermittelte, ihre Tochter schwer misshandelt zu haben.

Was die Beteiligten letztendlich dazu bewog, das Kind aus der Obhut des Jugendamts, der Sicherheit eines Kinderschutzhauses, in die Hölle seines elterlichen Heims zu überführen, müssen jetzt Ermittler der Staatsanwaltschaft und Inspektoren der Sozialbehörde klären.

Vermutlich war es eines der Kernprobleme der Jugendhilfe in Deutschland, das auch im Fall Yagmur in die Katastrophe führte. "Die ideologische Überhöhung leiblicher Elternschaft macht viele Richter blind für die Gefahren, die Kindern von Eltern drohen können", sagt Thomas Böwer, Vizepräsident des Deutschen Familienverbands und langjähriger Jugendhilfeexperte der Hamburger SPD. Den präzise definierten Rechten leiblicher Eltern stünden eher diffuse Rechtsnormen zum Schutz gefährdeter Kinder gegenüber (siehe Kasten).

Dass Eltern das Sorgerecht haben, heißt noch nicht unbedingt, dass sie für ihr Kind tatsächlich sorgen - diese Erfahrung musste auch Yagmur machen, von Anfang an.

Kurz nach der Geburt erklärt ihre Mutter, Melek Y., gegenüber dem Jugendamt, sie fühle sich mit dem Kind überfordert und wolle es in eine Pflegefamilie geben; angeblich nur vorübergehend, das Sorgerecht wolle sie behalten. Dabei konnte die junge Frau schon für ihr erstes Kind offenbar keine Verantwortung übernehmen. Der Junge lebt bei ihren Eltern.

Yagmur ist nur wenige Tage aIt, aIs sie zu ihrer Pflegemutter kommt. Inés M., gelernte Modedesignerin, lebt und arbeitet im bürgerlich-betuchten Hamburger Stadtteil Rotherbaum. Das Baby wird zum Nesthäkchen der Pflegefamilie.

Für den damaIs dreiäihrigen Sohn ist es schon bald wie eine Schwester, und auch Inés M. fehlt schnell jene Distanz, zu der man ihr im Pflegeeltern-Crashkurs des Jugendamts geraten hat: "Natürlich wusste ich, aIs ich Yagmur bekam, dass dies eine temporäre Angelegenheit sein sollte. Aber mit jedem Tag ist sie mir mehr ans Herz gewachsen. Wir wurden ein eingeschworenes Team. "

Von Yagmurs Tod hat die 43-Jährige aus den Medien erfahren. Vor fast einem Jahr hatte sie das Kind zum letzten Mal gesehen. Seitdem hielt sie zur Mutter via Smartphone Kontakt. Mehrfach hatten die beiden Frauen Treffen mit ihren Kindern vereinbart, die Melek Y. immer wieder kurzfristig absagte.

Vor drei Wochen schickte sie ein Handy-Video: Yagmur tanzt vor dem Fernseher zu türkischer Musik. Am Bildrand: Melek Y., lachend.

Inés M. ist kaum zu verstehen, aIs sie die Szene schildert, so sehr muss sie weinen: "AIs ich es zum ersten Mal sah, dachte ich, sie wolle mir zeigen, dass Yagmur nun endlich in ihrer Familie angekommen ist."

ln einer Familie mit einer Mutter, die gut ein Jahr lang, bis 2012, in einer Obdachlosenunterkunft lebte; verheiratet mit einem Mann, der aIs Schläger polizeibekannt ist. Zwei Menschen, die im Problemviertel Mümmelmannsberg ein Kind großziehen wollen, das zwei Jahre lang in behüteten Verhältnissen inklusive privaten Kindergartens gelebt hatte.

Inés M. ahnt jene Zerrissenheit, die unvermeidbar ist, wenn Welten zwischen den Lebenswelten liegen. Aber es scheint, aIs wolle sie davon nichts wissen; noch immer nicht. "Die hatten .doch eine Chance verdient", sagt sie - und es klingt wie eine Beschwörung jener Geister, die sie gesehen und immer wieder verdrängt hat, wenn Yagmur nach Besuchen bei ihren leiblichen Eltern lädiert zu ihr zuruckkam.

All die großen Hämatome und kleinen blauen Flecke meldete die Pflegemutter dem Jugendamt. Die leibliche Mutter hatte stets Erklärungen parat. Den Experten im Amt genügten die Erzählungen offenbar. Beispielsweise die Mar, dass das Kind im Schwimmbad mit dem Kopf an die Wand geknallt sei. Oder die Geschichten von der zwolfjährigen Nichte, die Yagmur aus Unachtsamkeit fallen gelassen habe.

Aber Inés M. erinnert sich auch an sogenannte Hilfeplangespräche, in denen Melek Y. verwarnt worden sei. Die Mutter müsse besser aufpassen, solche Unfälle könnten die Rückführung des Kindes gefährden. Misstrauisch sei sie dennoch nicht geworden, sagt Inés M. Und wieder weint sie, weil sie weiß, dass das nicht stimmt. "Eigentlich ist es ganz einfach; man muss sich das Kind ansehen, aber das hat keiner getan."

Dabei gab es auch andere Warnsignale. Wann immer Melek Y. und ihr Mann Hüseyin ihre Tochter abholen wollten, um ein paar Stunden mit ihr zu verbringen, habe sich das Kind mit Händen und Füßen gegen die Übergabe gewehrt: "Im Kindergarten hatte sie sich bei den Erziehern festgekrallt, zu Hause an mir."

lm Herbst 2012 muss das Mädchen im Rahmen der schrittweisen Rückführung mehrere Tage bei seinen leiblichen Eltern verbringen. Die Folge: Yagmur isst und trinkt nicht mehr. Sie kommt ins Krankenhaus. Die Àrzte diagnostizieren eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Auch aIs Yagmur wenige Tage nach ihrer Entlassung erneut eingeliefert wird, bleiben sie bei ihrem Befund.

Gut zwei Wochen später ist sie wieder in der Klinik. Weil sie jetzt extrem schielt, wird der Rechtsmediziner Klaus Püschel hinzugezogen. Der stellt ein Schadel-Hirn-Trauma fest, das dem Kind offenbar ein Jahr zuvor gewaltsam zugefügt worden ist - und einen Riss der Bauchspeicheldrüse, den seine Kollegen im Kinderkrankenhaus allem Anschein nach zweimal übersehen haben. Auch der Riss ist nach Ansicht des Experten eine Foige von Gewalt.

Püschel erstattet Anzeige, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Yagmur kommt, nachdem sie an der BauchspeicheldrÜse operiert worden ist, in die Obhut des Jugendamts und lebt fortan in einem Kinderschutzhaus.

Wenige Wochen zuvor, am 11. Januar, hatten sich Inés M. und ihr Sohn im Krankenhaus schweren Herzens von Yagmur verabschiedet; endgültig und auf Bitten des Jugendamts, weil das Kind mit psychosomatischen Beschwerden auf den Wechsel zwischen zwei Familien reagiert habe.

M.s Antrage, ihr ehemaliges Pflegekind besuchen zu dürfen, wurden abschlagig beschieden. Ebenso ihre Bitte, Yagmur ein Osterkörbchen ins Kinderhaus schicken zu dürfen. Der Antrag des Rechtsanwalts Rudolf von Bracken, die damaIs Zweijährige aus der Obhut des Jugendamts in die ihrer leiblichen Eltern zu Überführen, hatte dagegen Erfolg.

Nun ist Yagmur tot, gestorben im Kreis ihrer Familie. GUNTHER LATSCH


"Schockstarre "

Warum die Jugendhilfe in der Krise steckt

In Deutschland sind die Eltern von rund einer Million Kindern nicht in der Lage, ihren Nachwuchs ohne Hilfe zu erziehen. Nach dem Tod der elfjährigen Chantal aus Hamburg 2012 beherrschte das Thema für kurze Zeit die Medien. Wolfgang Hammer, Abteilungsleiter der Kinder- und Jugendhilfe in der Hamburger Sozialbehörde, warnte Kollegen in anderen Bundesländern in einer Mail, man dürfe nicht weiterwursteln "nach dem Motto ,Alles wird gut"': Die Hilfen zur Erziehung steckten in einer Krise, die Jugendämter seien an Grenzen gestoßen, die Situation sei "strukturell hochgefährlich". Der Appell verhallte, wieder einmal. Die Jugendhilfe kostet den Staat rund sieben Milliarden Euro im Jahr. Acht Gründe, warum dennoch immer wieder Kinder sterben:

1. ln Deutschland gibt es zu viele arme Kinder.

lm Mittelpunkt der Jugendhilfe stehen drei Arten von Hilfe: die Erziehungsberatung bei ersten Erziehungsproblemen; die ambulanten Hilfen für Familien; schließlich die Vermittlung in Pflegefamilien oder die Unterbringung in Kinder- und Jugendwohnungen, wie die früheren Heime heute zumeist heißen. Derzeit bekommen die Eltern jedes 17. Kindes unter 21 Jahren Unterstützung von Sozialarbeitern. Aus der ehemaligen Fürsorge für gestrandete Kinder ist ein Reparaturbetrieb für die auseinanderdriftende Gesellschaft geworden. Kinder sind die ersten Opfer der Probleme Erwachsener: Schulden, Sucht, psychische Erkrankungen, exzessiver Medienkonsum.

2. Die Jugendhilfe ist der Feind der Stadtkammerer.

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990 gewährt Eltern ein Recht auf Hilfe, wenn sie mit ihrem Nachwuchs überfordert sind. Die damit verbundene Kostenexplosion haben in erster Linie die Kommunen zu tragen. Weil diese aber mit hohen Schulden kämpfen, versuchen sie zu sparen.

3. Die Betreuung wird immer schlechter.

Wurden ambulante Hilfen früher ein bis zwei Jahre lang fur acht bis zehn Stunden pro Woche gewährt, erhalten Familien heute in einigen Ländern nur noch drei Stunden wochentlich. lm Jahr 2010 wurden zwei von drei Hilfemaßnahmen nach nur einem Jahr wieder beendet, vor fünf Jahren war es nur die Halfte. Vielerorts gibt es zudem keine Kombinationen aus ambulanten und stationären Maßnahmen mehr. Oft kommen Kinder in zerrüttete Familien zurück - es sind Hilfen ohne Langzeitkonzept.

4. Sozialarbeiter sind Prügelknaben der Nation.

Viele Mitarbeiter der Jugendämter, so hat es das Deutsche Jugendinstitut festgestellt, sind angesichts der Todesfälle in eine "Schockstarre" gefallen. Sie hätten Angst, fur Fälle wie Chantal verantwortlich gemacht zu werden. Sozialarbeiter sind oft schlecht bezahlt und von der Bürokratie zermürbt. Viele ältere Mitarbeiter sind der Arbeit mit schwererziehbaren Kindern und Jugendlichen kaum gewachsen. Gleiches gilt für Kräfte, die gerade von der Hochschule kommen.

5. Die Jugendamter geben Verantwortung ab.

Nicht selten sind schon die Anamnesen ungenügend: Es fehlt an Wissen und Zeit herauszufinden, warum Eltern schlagen oder Kinder verwahrlosen. Traditionell wird die Jugendhilfe in Deutschland überwiegend von kirchlichen oder privaten Trägern geleistet. Für die Kommunen hat die Arbeitsaufteilung zwei Vorteile: Sie können die Verantwortung abschieben und Kosten sparen, indem sie den günstigsten Träger beauftragen.

6. Lehrer, Arzte, Sozialarbeiter arbeiten nebeneinander her.

Es gibt zu wenig Abstimmung zwischen Jugendhilfe und Gesundheitssystem. Zudem unterstützen Sozialbehörden und Familienrichter in der Regel stärker die Eltern, das verhindert auch das Kinder- und Jugendschutzgesetz nicht. Das Elternwohl ist jedoch oft nicht gleichzusetzen mit dem Wohl des Kindes. Viele Pädagogen wünschen sich deshalb Regelungen wie sie in den USA üblich sind. Dort bekommen Eltem, denen ein unter dreijähriges Kind weggenommen wurde, ein Jahr lang Zeit, ihr Leben mit Hilfsangeboten wieder in den Griff zu bekommen. Gelingt ihnen das nicht, bleibt das Kind bei der Pflegefamilie.

7. Pflegeeltern werden gesucht und sind schlecht beraten.

ln Deutschland gibt es etwa 60 000 Pflegekinder. Davon sind nur 14 000 bei Menschen untergebracht, die ihnen bereits vertraut waren. Das sind kaum mehr ais 20 Prozent, in den Niederlanden liegt der Wert bei 70 Prozent. lm Durchschnitt kostet die Unterbringung eines Kindes in einer Wohngruppe 45120 Euro im Jahr, den Pflegefamilien werden im Mittel nur 14206 Euro gezahlt. Studien zeigen, dass der Erfolg der Erziehung in Pflegefamilien wesentlich davon abhängt, wie diese professionell von den Jugendämtern unterstützt werden.

Ein Mitarbeiter des Jugendamts betreut rund 50 Pflegekinder; Fachleute halten jedoch eine Zahl von maximal 30 fur angemessen.

8. Die Politik kapituliert vor der Wirklichkeit.

Die Fachleute sind sich einig, dass die Hilfen zur Erziehung reformiert werden müssen, aber es gibt kaum Fortschritte. Einige SPD-regierte Bundesländer hatten ein Reformpapier vorgelegt, das offenbar in erster Linie darauf abzielte, Kosten zu reduzieren; der Plan wurde verworfen. Jetzt liegt ein Entwurf der Arbeitsgemeinschaft der Landesjugendbehörden (AGJF) vor, in der unter anderem Fachleute der zuständigen Ministerien zusammenarbeiten. Die Hilfen zur Erziehung dürfe man nicht mehr aIs Fürsorge verstehen, sie würden sich aIs "gesellschaftliche Zukunftsinvestition" auszahlen, argumentiert die AGJE. Kinder, denen geholfen wird, stünden später dem Arbeitsmarkt zur Verfügung und fielen nicht dem Staat zur Last. Das sei effektiver, als sie dauerhaft in die Sozialsysteme zu entlassen. UDO LUDWIG, ANTJE WINDMANN

 

[Der Spiegel 1/2014 S. 44-46]


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