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Kampfauftrag Kind

DER SPIEGEL 33/2013 - TITEL
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Aus Angst, der Nachwuchs könnte im Leben scheitern, überwachen Eltern ihre Kinder. Aus nächster Nähe kontrollieren sie, natürlich voller Liebe, Schullaufbahn, Studium und Karriere. Ob aus den behüteten Geschöpfen glückliche Erwachsene werden, ist fraglich.

Seit ein paar Jahren unterteilt der Gymnasialdirektor Josef Kraus, 64, seine Arbeitstage in zwei Hälften.

Die erste, die Schülerhälfte, beginnt mit dem ersten Schulgang, in der Regel verlauft sie problemlos. Was Kraus neben seiner normalen Arbeit vormittags über den Weg läuft, ist meist nicht der Rede wert: Mal raufen zwei Jungs auf dem Gang, mal nimmt ein Lehrer einem Schüler im Unterricht das Handy ab. Aber das war's dann auch schon.

Die zweite, die Elternhälfte, beginnt gegen 14:15 Uhr, mit dem Telefonläuten im Sekretariat. Dann sind Mama oder Papa am Apparat. Sie beurteilen das, was am Vormittag geschehen ist, meist anders als Josef Kraus. Das Raufen? War eine Körperverletzung. Das Abnehmen des Handys im Unterricht? Diebstahl.

Diebstahl? Klar, was sonst.

Josef Kraus ist seit über 30 Jahren im Schuldienst, als Lehrer als Psychologe und seit 18 Jahren als Direktor. Kraus ist außerdem Präsident des Deutschen Lehrerverbands, er spricht für rund 160000 Pädagogen in Deutschland. Seine Lehrer kennen die Beschwerden der Eltern. Man kann klagen über die Sitzordnung in der Klasse, die Zahl der Englischvokabeln, das Gewicht des Schulranzens, das Fehlen eines Salatblatts auf dem in der Pause gekauften Wurstbrötchen und, natürlich, den Klassiker: unfaire Noten.

Gibt es irgendetwas, worüber sich Eltern nicht beschweren?

"Sicher", sagt Kraus, "die eigenen Kinder." Stimmt. Die sind ja heilig.

Über dieses Schimpfen, Drohen, Meckern im Dienste der Kinder will Josef Kraus endlich sprechen. Kraus sieht, dass die Eltern in den vergangenen Jahren massiv aufgerüstet haben im Kampf um Vorteile für ihren Nachwuchs. Aber er befürchtet, dass das für die Kinder nicht von Vorteil ist.

Er hat ein Buch geschrieben, es heißt: "Helikopter-Eltern"*. [Josef Kraus: "Helikopter-Eltem. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung". Rowohlt Verlag, Reinbek; 224 Seiten; 18,95 Euro.]

Der Ausdruck kommt aus dem Amerikanischen und bezeichnet Eltern, die vor lauter Sorge wie Hubschrauber ständig um ihre Kinder kreisen. "Ich bin schon so weit", sagt Kraus, "ich kann verschiedene Typen identifizieren." Mit der rechten Hand neben dem Kopf simuliert er Flugbewegungen: "Ich kenne die Transport-, Kampf- und Rettungshubschrauber."

Diese Helikopter-Eltern sind ein eigenartiges Phänomen. Einerseits kann man sich herrlich lustig machen über sie.

Über die Mutter in Paris zum Beispiel, die vor kurzem in knapp über der Pofalte abschließender Hose und stark geschminkt versuchte, für ihre Tochter eine Englischprüfung im Baccalauréat zu schreiben. Erst bei der Ausweiskontrolle flog sie auf: Sie war nicht 19, sondern 52. Der Direktor rief die Polizei.

Oder über die Eltern in Colorado Springs, die vor einer Weile bei der Ostereiersuche in einem Park in den Büschen herumsprangen, um sicherzustellen, dass der eigene Nachwuchs genügend Süßes abbekomme. Die Suche musste abgebrochen werden.

Dann gibt es auch die deutsche Helikopter-Mama, die das Baby und dann Kleinkind über Jahre hinweg abends nicht einmal ihrem Mann anvertraut ("Dann weint die Kleine so, weil sie ihn nicht so gut kennt wie mich"), die schluchzend den Mann als Wächter hinterherschickt, wenn der achtjährige Sohn beim Verwandtenbesuch in der fremden Stadt mit seinem Vetter zum Backer losgezogen ist. Auch wenn der Laden in unmittelbarer Nachbarschaft liegt - das Kind konnte ja überfahren oder von Pädophilen entführt werden.

Andererseits: Sind wir nicht alle irgendwie auch Helikopter-Eltern?

Wann hat man sich getraut, das eigene Kind allein in die Schule zu schicken? Wann ihm das erste Mal ein Obstmesser in die Hand gedrückt? Und telefoniert man nicht doch immer wieder hinterher, wenn der Teenager beim besten Freund übernachtet? Warum nicht gleich mit dem Direktor sprechen, wenn klar ist, dass der [120] Mathelehrer die Tochter auf dem Kieker hat?

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[© Der Spiegel. Wiedergabe nur für persönlichen Gebrauch.]


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