Granatsplitter
Vergleiche auch: "Ich hätte es wohl auch getan" (Krieg, Väter und Kinder); "Die letzte Schlacht"; "Das böse Kind"; "Putzmunter im Sterbezimmer"

DER SPIEGEL 15/2013 - Seite 68-69 [HOMESTORY]

Granatsplitter

HOMESTORY Warum der Zweite Weltkrieg nicht nur für meine Eltern, sondern auch fur mich noch nicht zu Ende ist

In den Ferien, 1969, war der Zweite Weltkrieg wieder da. Mein Vater trug Badehosen, und dann sah ich die beiden Locher in seinem Oberschenkel, ein großes längliches und ein etwas kleineres. "Granatsplitter" hatten darin gesteckt, hatte er mir erzählt, eine Kriegsverletzung, aber was Granatsplitter genau waren, wusste ich nicht, ich war sechs Jahre alt. Anfassen wollte ich diese Höhlen in seinem Fleisch auf keinen Fall, sie waren befremdlich, aber faszinierend.

Etwa zehn Jahre später. Während der Fahrt auf der Transitstrecke durch die DDR schrie mein Vater plötzlich: "Das ist das Dorf! Da habe ich im Dorfteich gestanden, als die russischen Panzer kamen!" Am Ende dieser Reise stand ich in Polen im Grab meines Großvaters, des Vaters meiner Mutter, Adolf von Thadden, Gutsherr von Trieglaff. Der Familienfriedhof war verwüstet, die Kreuze umgerissen, zerstört, was zu zerstören war, und ich rettete die unglücklichen Frösche, die in das aufgebrochene Grab gefallen waren.

In den Schubladen unter den Bücherregalen im Wohnzimmer meiner Eltern liegen immer noch die Pappschachteln mit alten Schwarzweißfotos. Ich habe sie mir ais Kind oft angesehen. Mein Vater als Jugendlicher in Uniform, schwarze Haare, ein sensibles, aufmerksames Gesicht; ganz anders als die typischen kantigen NS-Männerköpfe mit dem Vorn-Iang-hinten-kurz-Haarschnitt. Meine Mutter blond, mit ebenmäßigen Gesichtszügen, so schön und deutsch, als hatte ein Nazi-Ideologe sie entworfen.

Die Biografien meiner Eltern konnten kaum unterschiedlicher sein. Mein Vater, der Schriftsteller Dieter Wellershoff, war Jungvolkführer. Er hat mir erzählt, dass er die Schüler aus den höheren Klassen bewundert habe. Die trugen nämlich irgendwann Uniform und hatten damit den Erfolg bei den Madchen, den mein Vater damals auch gern gehabt hatte. 1943 meldete er sich mit 17 Jahren freiwillig zur Wehrmacht, um nicht zur SS zu müssen, die ihn schon angesprochen hatte.

Der Vater meines Vaters war ais Leiter des Grevenbroicher Bauamts in der NSDAP, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg war er Offizier; meine Großmutter interessierte sich nicht für Politik. Sie flüchtete vor den Bomben nach Schlesien, wo sie bei einer Gallenoperation starb. Der jüngere Bruder meines Vaters verbrachte die letzten Kriegsjahre in einem Internat für Kriegswaisen.

Meine Mutter Maria von Thadden stammt aus sehr evangelischem pommerschem Landadel. Sie war nicht mal im Bund Deutscher Mädchen. Ihre Familie hielt die Nazis für abscheuliche Proleten und politisch für unerträglich. Der Halbbruder meiner Mutter, Reinold von Thadden, war in der Bekennenden Kirche um Pastor Martin Niemöller aktiv und wurde 1937 deshalb inhaftiert. Nach dem Krieg begründete er den Evangelischen Kirchentag.

Wer von der Kollektivschuld der Deutschen spricht, schiebt beiseite, dass ein Kollektiv etwas anderes ist als die Summe der Einzelschicksale. lm "Dritten Reich" gab es ganz klare Täter: Adolf Hitler und seine Schergen. Und ganz klare Opfer, die Juden zuallererst, aber auch die politisch Verfolgten, die Schwulen und Lesben, die Behinderten, um nur einige zu nennen. Dann gab es jene, die den Nazis halfen, und jene, die wegsahen. Aber es gab auch jene, die den Opfern halfen, und jene, die bei Verfolgung und Greueltaten wenigstens nicht mitmachten. Und dann waren da noch jene deutschen Soldaten, die mitgerissen wurden vom Faktischen des Krieges, die nicht mehr die Wahl hatten, ob sie im Schützengraben liegen wollten oder nicht, die Maschinengewehre bedienten und töteten.

Schon weil meine Eltern so gegensätzliche Lebensgeschichten haben, habe ich die Pauschalisierung der Kriegsgeneration nie verstanden. Ich selbst wusste nie, ob ich mich zum Volk der Täter zählen oder mich als Nachfahre der Opfer fühlen solle. Mein Vater hat an der Ostfront gekämpft, und obwohl er verletzt war und nicht zurück an die Front gemusst hatte, hat er sich wieder in diesen Krieg gestürzt. "Hast du Russen erschossen?", habe ich ihn gefragt. Er wisse es nicht, sagt er, man schoss bei den nächtlichen Gefechten dorthin, wo man das Mündungsfeuer der anderen sah. An Hinrichtungen hat er sich nicht beteiligt, weil man sich in seiner Panzerdivision Hermann Göring dafür freiwillig melden musste - was er nicht tat, denn er habe nicht auf Gefesselte schießen wollen, erzahlt mein Vater. Dass er in Berlin war, während ein Teil seiner Division in Italien Partisanen ermordete, sei Glück gewesen. Aber er könne bis heute nicht sagen, wie er sich in diesem Massaker verhalten hätte.

Die Halbschwester meiner Mutter, Elisabeth von Thadden, wurde vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und 1944 in Plotzensee guillotiniert. Bei einer Teegesellschaft hatte sie den Krieg für verloren erklärt und war von einem Gestapo-Spitzel verraten worden. Seit meine Mutter die Gedenkstätte besucht hat, quält sie der Gedanke an die kurze Treppe zum Schafott, auf der ihre Halbschwester das Kirchenlied von Paul Gerhardt sang: Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not. "Der Weg war zu kurz", sagt meine Mutter, "sie kann nicht mal diese Strophe ganz geschafft haben."

Doch auch die Familie von Thadden ist widersprüchlich, denn der altere Bruder meiner Mutter war Adolf von Thadden, der spätere NPD-Vorsitzende. Er stand im Krieg den Nazis nahe, zum Entsetzen der Familie; aber eine seiner besten Freundinnen war eine Wiener Halbjüdin. Ihren Briefwechsel gibt es noch. Kurz nach dem Krieg riskierte dieser Onkel sein Leben, als er vergebens versuchte, seine Mutter und seine zweitälteste Schwester aus dem von Russen besetzten Vahnerow in Pommern zu retten. Und viel später, sagt meine Mutter, habe er sogar den Staat Israel bewundert. Weil der so perfekt durchorganisiert sei.

Meine Mutter war 40 Jahre alt, als ich geboren wurde, mein Vater war 37. Die meisten meiner Mitschüler hatten Eltern, die im Krieg selbst noch Kinder gewesen waren. Vielleicht war dies der Grund, warum in den siebziger Jahren in der Schule das "Dritte Reich" und der Zweite Weltkrieg behandelt wurden wie der Erste Weltkrieg, der Dreißigjährige Krieg, die Feldzüge der Römer - als Geschichte eben. Ich frage mich trotzdem, warum wir im Unterricht nie über unsere eigenen Familien gesprochen haben. Meine Schwester ist neun Jahre älter .als ich. Sie erzählt, in ihrer Schulzeit habe sie sich darüber empört, dass bei ihren Mitschülerinnen zu Hause über den Nationalsozialismus geschwiegen wurde. Unsere Eltern haben mit ihr das Konzentrationslager Dachau besucht, als sie zur Grundschule ging.

Bis heute denke ich mit Ratlosigkeit an ein Ereignis aus meiner Kölner Gymnasialzeit: Bei einer Auseinandersetzung während der Pause, die heute geradezu harmlos wirkt, schleuderte mir ein Junge aus meiner Klasse einen Apfelrest ins Gesicht. Den Anlass unseres Streits habe ich vergessen. Genau erinnere ich mich aber, wie der Lehrer reagierte: Statt den Konflikt zu klären und uns beide zu ermahnen, sagte er mir, der Junge habe den Apfel in die Luft geworfen, und dieser sei dann zufällig in meinem Auge gelandet. Der Schüler war Jude, seine Großeltern waren im KZ ermordet worden, und für mich war das der Moment der Erkenntnis, dass mein Lehrer nicht in der Lage war, ihn genauso zu behandeln wie alle anderen Kinder in der Klasse. Er war für ihn ein Sonderfall.

Warum? Vielleicht weil diese entsetzlichen Jahre des "Dritten Reichs" doch so viel näher waren, als die meisten wahrhaben wollten? Wahrscheinlich wurde bei anderen tatsächlich zu Hause geschwiegen, während meine Eltern inzwischen beide über ihre Zeit im Nationalsozialismus Bücher veröffentlicht haben. Bis heute sprechen sie so viel über ihre Vergangenheit, dass schon dies Beweis ist für die Aussage meines Vaters: Der Krieg und vor allem das Überleben des Krieges seien der Motor für alles Weitere gewesen. Er habe das Gefühl gehabt, nun für alles gerüstet zu sein.

Eltern geben ihre Erfahrungen an ihre Kinder weiter, ihre Traumata wie ihre Erkenntnisse. Meine Mutter sagt, sie habe uns drei Geschwistern nie eine konkrete Botschaft mitgeben wollen, sie habe nur beschreiben wollen, wie sie den Nationalsozialismus erlebt habe. Mein Vater .sagt, er habe seine Erfahrung mitteilen wollen, dass man sich am Ende immer nur auf sich selbst verlassen könne. Im SPIEGEL-Gespräch über Kriegstraumata sagte der Psychoanalytiker Hartmut Radebold: "Eltern geben unbewusst Auftrage an ihre Kinder weiter. Setzt das Leben der Familien fort, macht es besser."

Was ist mein Auftrag? Tocotronic haben mal einen ironischen Song geschrieben, der heißt: "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein". Ich wollte das auf keinen Fall, habe damals Popper so abgelehnt wie Punks, denn Kollektiven gegenüber war und bin ich zutiefst skeptisch. Dieses Misstrauen wirkt hinein bis in die Erziehung meiner Töchter, denn ich verbiete mir Begründungen wie "die anderen Kinder machen aber auch alle ..." - eine Vorgabe, die ich manchmal selbst etwas angestrengt finde. Aber sie sollen lernen, sich auf ihre eigenen Maßstäbe zu verlassen, statt sich an Gruppen zu orientieren oder sich gehorsam in autoritäre Strukturen zu fügen.

Wenn ich meine Jungen Kollegen frage, wie es ihren Familien im "Dritten Reich" ergangen sei, dann berichten sie über ihre Großeltern mit einer solchen Distanz, dass es auf mich wirkt, als zitierten sie aus einem Roman. Ein schlimmer Nazi sei der Großvater gewesen, sagt einer, aber was damit genau gemeint war, weiß er nicht. Und der andere Großvater? Ach ja, was war eigentlich mit dem? Sein Großvater habe im Krieg gekämpft, ein Bein verloren und später sogar Spielzeugpistolen im Haus verboten, erzählt ein anderer Kollege, aber der Großvater starb, bevor er ihn nach seinen offensichtlich furchtbaren und unverarbeiteten Kriegserlebnissen gefragt hatte. Und eine Kollegin sagt, ihre Großeltern seien im Zweiten Weltkrieg ja selbst noch Kinder gewesen.

Und trotzdem schiebt sich die Vergangenheit immer wieder in die Gegenwart. Vor zwei Jahren saß ich mit meinem Mann und unseren Kindern in einem Ausflugslokal in Aumühle, in der Nahe von Hamburg. Es war der 16. September. Große, breite und irgendwie dumpf wirkende junge Männer, ein paar sehr alte Männer und einige Frauen mit aus der Zeit gefallenen Knotenfrisuren gingen an uns vorbei in einen Festsaal. Ein Mann hielt seine Bomberjacke zu, nur Fragmente eines Spruchs auf seinem T-Shirt waren zu sehen. Durch die Türen hörten wir Ansprachen, die Worte verstanden wir nicht. Aber den zackigen Tonfall kannten wir aus den nationalsozialistischen Wochenschauen. Eine Gruppe von Alt- und Neonazis feierte den 120. Geburtstag von Hitlers Großadmiral Karl Dönitz, der in Aumühle gestorben war. Wir wussten nicht, wie wir uns verhalten sollten. Was hätte meine Mutter getan, was mein Vater? Was würden sie von mir in diesem Moment erwarten? Wir haben nur bezahlt und das Restaurant nie wieder betreten.

Ich frage mich manchmal, an was ich mich erinnern werde, wenn ich später an die Zeit zurückdenke, als ich 17 Jahre alt war. Dass ich es als Minderjährige mal nachts in einen Reggae-Club geschafft habe? Oder dass ich kranke Igel gesundgepflegt habe? Es wird auf jeden Fall unspektakulär sein. Und das ist gut so.

MARIANNE WELLERSHOFF

Der Spiegel, 15/2013 Seite 68-69


"Hast du Russen erschossen?", habe ich meinen Vater gefragt. Er sagt, er wisse es nicht.

Ins Ausflugslokal strömten breite, dumpf wirkende Männer. Den Tonfall, der aus dem Festsaal drang, kannten wir aus nationalsozialistischen Wochenschauen. "


3409-3d05org