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Weisheit - Von Rosette Poletti

"Die Geschichte meiner Familie ist kompliziert. Mein Vater hat auf die Übernahme des Hofes seiner Eltern verzichten müssen, zugunsten seines Bruders. Und er hat es ihm niemals vergeben."

"Rache und Vergebung"   ["Vengeance et pardon"]

Unsere Briefschreiberin beschreibt die Situation so: "Obwohl mein Vater ebenfalls die Landwirtschaftschule besucht hatte, musste er eine andere Arbeit finden um seine Familie zu ernären. Er hat das nie vergeben, weder seinen Eltern, meinen Grosseltern, noch seinem Bruder, meinem Onkel. Das Ergebnis: Man ist von der Familie väterlicherseits abgeschnitten! Keine Familienfeste, kein Kontakt mit meinen Grosseltern. Als ich klein war hab ich das als eine Tatsache akzeptiert. (...) Heute, mit 45, fragen meine Teenager-Kinder nach meiner Geschichte und ich finde, dass es ein Schlamassel ist. Mein Vater ist im Ruhestand, aber nicht sehr glü:cklich! Der Bauernhof fehlt ihm noch mehr als zur Zeit da er noch arbeitete. Mein Mann sagt mir immer wieder, ich solle die Seite umblättern, aber ich wŁnschte mir so sehr, dass mein Vater und mein Onkel sich versöhnen. Ist das ein Kindertraum? Eine Illusion, wie mein Mann sagt?

"Die Ohnmacht leben

Das lange Mail unserer Briefschreiberin, wovon wir einige Auszüge ausgewählt haben, hat uns sehr berührt. Es gibt so viel Leid und so viele schlechte Gefühle, seit so langer Zeit. Und dieses Leid ist nicht wegen Krankheit, Tod, Naturkatastrophen, es ist gemacht und wird aufrechterhalten, es zieht eine ganze Familie in Mitleidenschaft. Am Ursprung gab es etwas, das als Unrecht erfahren wurde, wovon unsere Briefschreiberin keine Einzelheiten angibt. Es ist dennoch ein häufiger Umstand. Die schweizerischen Bauernhöfe sind oftmals zu klein um mehrere Familien zu ernähren. Also "führt eines der Kinder den Hof weiter". Hier ist deswegen der Bruder böse, der gen andere Horizonte weiterzeihen musste, böse auf denjenigen der bleiben durfte, und er hat alle Kontakte abgebrochen, um seine Eltern und seinen Bruder zu bestrafen.
[Anmerkung: Ist es möglich, dass es nicht (nur) Rache ist, sondern (auch) eine Methode um sich abzugrenzen und so die Schmerzen der Enttäuschung zu vergessen?]

Professor McCullough, der diese Thematiken studierte, stellte fest, dass Rache ein allgemeines Verhalten ist - um diejenigen die uns Weh getan haben davon abzuhalten, wieder damit zu beginnen, und um solche aus der Gruppe zu entfernen, die die Unterstützung der Gruppe geniessen, ohne zum Wohlergehen der Gruppe beizutragen. Untersuchungen haben ergeben, dass gewisse Tiere, wie Affen, Vögel und sogar Fische, dazu Zuflucht suchen, um Probleme zu regeln, die mit Agression und Zusammenarbeit zusammenhängen.

Bei den Menschen haben die Untersuchenden der Neurowissenschaften entdeckt, dass der Wunsch nach Rache die selben Hirnregionen aktiviert als wenn man ein wichtiges Ziel anstrebt oder ein gutes Essen beginnt! Sie haben ebenfalls festgestellt, dass die Vergebung und die Versöhnung unabdingbar sind um menschliche Beziehungen von guter Qualität beizubehalten, und um Zusammenarbeit zu bewirken, die absolut notwendig ist für das Überleben einer jeder Gattung.

[Anmerkung: Diese Arten der Untersuchungen der Neurowissenschaft sind nutzlos, und sie stellen eine pseudowissenschaftliche Abweichung dar, verbunden mit dem Technologieglauben. Die Aktivität von Hirnregionen erlaubt keine Rückschlüsse auf den Inhalt der Gedanken. Es ähnelt der Phrenologie von vor hundert Jahren.
Um festzustellen, dass Rache Ferude macht und, dass Vergebung und Versöhnung absolut notwendig sind, dazu braucht es keine Neurologie. Es reichen die normalen psychologischen und soziologischen Erkenntnisse.]

Ist die Versöhnung ein Traum?

Nein! Die Vergebunbg und die Versöhnung sind eine soziale, emotionale und gar spirituelle Notwendigkeit. Aber sie beruhen auf dem Bewusstsein und der Entscheidung von mindestens einer der betroffenen Parteien. Dieser komplexe Vorgang braucht Zeit, umfasst verschiedene Etappen, verlangt bestimmte Voraussetzungen. Die erste ist genau, dass man aufhört sich rachen zu wollen. Es ist interessant zu wissen, dass es eine fast körperliche Freude gibt, wenn man an Rache oder an ihre Vorbereitung denkt. Das erklärtdie Schwierigkeit, die manche haben, die Rachewünsche loszulassen.Zum Glück ergibt das Vergeben einen unglaublichen innerlichen Frieden. Danach kann man sich versöhnen, wohl wissend, dass das Verhältnis wahrscheinlich nicht wie vorher sein wird.

Die Vergebung und und die Versöhnung sind unabdingbar um qualitativ gute menschliche Beziehungen zu handhaben.
Quand on est extérieur à la "brouille", comme l'est notre correspondante, mais Wenn man ausserhalb der "Überwerfung" steht, wie unsere Briefschreiberin, aber die Folgen davon erleidet, müssen zwei Aspekte in Betracht gezogen werden:

- Erstens kann man niemanden dazu zwingen, zu vergeben. Es geht um eine persönliche Entscheidung. In der Tat kann man besser weiterbättern, das heisst aufhören unrealistische Erwartungen zu haben und zu hoffen, dass man seine Familie "ändern" könnte.

- Zweitens muss man seine persönliche Lage anschauen. Niemand ist verpflichtet, am Hass und den Rachewünschen gegen den anderen teilzunehmen! So wird der Entschluss möglich, wieder mit einem Onkel, einer Tante, Cousins und anderen Personen Kontakte zu knUuml;pfen, wenn man das möchte zu e;prouve le besoin et que cette démarche peut être reçue par ceux avec lesquels les contacts étaient coupés. l&agrvae;, il vaut la peine d'évaluer les dégâts possibles avec les proches - le père, dans le cas présent, qui prendra probablement ombrage de ce qu'il pourra considérer comme une rupture de loyauté de la part de sa fille. Quoi qu'il en soit, il n'existe pas de mode d'emploi. Ce qui est nécessaire, c'est de bien clarifier ce que l'on veut, pourquoi on le veut et de procéder avec bienveillance et compassion. Le grand psychiatre Boris Cyrulnik écrivaiot dans "Ivres paradis, bonheurs héroïques" (Odile Jacob, 2016): "Pas d'existence sans épreuve. Pas 'affection sans abandon. Pas de lien sans déchirure. Pas de société sans solitude." Plus vite qu'on accepte cette réalité, plus qu'on peut se préparer à vivre le mieux possible avec ce qui la vie nous réserve.

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Ihnen, liebe Briefschreiberin, und Ihnen allen, Lesefreunde und -freundinnen, wünschen wir eine sehr schöne Woche.

Rosette Poletti. Mit Mitarbeit von Barbara Dobbs.

Zu lesen:

"Les 12 étapes du pardon" [Die 12 Etappen der Vergebung], Paul Ferrini, Éd. Pochette.
"Le livre du pardon" [Das Buich der Vergebung], Desmond Tutu et Mpho Tutu, Éd. Guy Trédaniel.
"Peut-on tout pardonner?" [Kan man alles vergeben?], Olivier Clerc, Éd. Eyrolles.

Quelle: LeMatinDimanche 12 März 2017 Seite 64

[© Le Matin Dimanche. Wiedergabe nur für den persönlichen Gebrauch.]

Übersetzung: Helmut Lubbers


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