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"Klappe halten"

Deutschland - Polemik

Nicht die Bezahlung ist das grösste Problem, für Kita-Erzieher.
Es sind die egoistischen Eltern.
Von Markus Deggerich

Der Streik sei den Erzieherinnen und ihren wenigen männlichen Kollegen gegönnt. Es ist eine wohlverdiente Pause im Kita-Alltag: nicht von lärmenden Kindern, stinkenden Toiletten und pampigem Mittagessen. Auch nicht vom depressiv stimmenden Lohnzettel oder von endlosen Qualitäts- und Bildungsoffensiven. Der Arbeitskampf der Erzieher befreit sie vorübergehend von ihrem wahren Problem: den Eltern.

Mütter und Väter betrachten Erzieher nicht mehr als Partner, sondern als Dienstleister. Sie geben morgens mit den Kindern auch ihre Verantwortung ab. Am Abend erwarten sie dann kein fröhliches Kind, sondern einen perfekt abgerichteten Leistungsträger. Ihre Ansprüche sind längst größer als der Schuldenberg, den der Staat anhäuft für Kitas, Erzieher, Eltern- und Kindergeld.

Eltern halten sich grundsätzlich für die besseren Menschen: jede Geburt ein Gnadenakt gegenüber dem demografisch gebeutelten Staat, der sich dann gefälligst erkenntlich zu zeigen hat. In ihrer Vollkaskomentalität gehen sie davon aus, dass jeder Dorfkindergarten das Programm eines Eliteinternats anbietet.

Was steckt hinter diesem Anspruchsdenken? Sorge um die Zukunft des Landes, die Demokratie, den Weltfrieden? Es ist in Wahrheit nur eins: purer Egoismus. Wenn es um den eigenen Nachwuchs geht, rufen Elterntiere nicht: Meiner ist einer für alle! Sondern: Alles für meinen. Sie fordern Inklusion, Integration und Bildung, weil die für den ganzheitlichen Menschen ja so wichtig sind und sich später bei der Bewerbung als "Soft Skills" gut machen. Aber bekommt eines der "Türkenkinder" einen Apfel mehr als ihr eigenes, rechnen sie am Monatsende vor, dass auch mal Schluss sein müsse mit dem Quersubventionieren des Prekariats.

Sie rammen sich den Weg zur Kita frei mit ihren High-End-Buggys im Wert eines gebrauchten Kleinwagens, kriegen aber Schreianfälle, wenn sie 50 Cent mehr für das Mittagessen zahlen sollen. Oder sie fordern eine Rückzahlung ihrer vom Steuerzahler subventionierten Kita-Kosten, wenn ihr Kind zwei Wochen gefehlt hat weil sie es wichtig finden, dass es die Masern durchlebt, ganz egal, ob ihre Impfverweigerung ein Anschlag auf das Leben anderer ist.

Erzieherinnen graut es heute nicht mehr vor dem Lärmpegel in der Kita-Gruppe. Denn der ist Balsam für ihre Ohren im Vergleich zu dem, was sie sich auf Elternabenden anhören müssen. Von Müttern, die nach einer Google-Recherche ihr pädagogisches Halbwissen gern zum neuen Reformmodell hochjubeln, das bitte ratzfatz umzusetzen sei. Oder von überbesorgten Helikopter-Eltern, die für den Wandertag am liebsten ärztliche Begleitung und Sicherheitspersonal engagieren wollen.

Allein die nicht kind-, sondern elterngerechte Diversifizierung des Speiseplans führt auf Elternabenden zu Überstunden, die Erzieher nie bezahlt bekommen. Vegetarisch, vegan, allergen, halal, weder Fisch noch Fleisch und schon gar keine Tiefkühlpizza. Denn die gibt es ja schon daheim.

Ansprüche haben Eltern nur noch an die Kita, aber nicht an sich selbst. Zu Hause wollen sie nicht erziehen, sondern geliebt werden; deshalb lassen sie den Vierjährigen bis 21 Uhr fernsehen. Mit den Folgen kann sich am nächsten Morgen ja das Personal im Kindergarten herumschlagen.

Eltern delegieren ihren Erziehungsauftrag, sie wollen "fertige" Kinder abholen, ein Endprodukt, ausgestattet mit Bildung, Benehmen, Werten, also allem, was es zu Hause nicht mehr gibt. Bei jeder kleinen Abweichung von den aus dem Internet ausgedruckten Entwicklungskurven fordern sie von Erziehern ein Einzelgespräch über das nun aufzulegende individuelle Forderprogramm für ihr Kind. Schuld sind immer die anderen. Denn schwierige Kinder gibt es nicht mehr. Nur noch hochbegabte.

Die lernen zu Hause zwar nicht mehr, dass Worte wie "Bitte" und "Danke" das Leben schöner machen oder wie man sich die Schnürsenkel bindet. Dafür haben sie aber pädagogisch wertvolles Spielzeug, das verstaubt, weil Eltern den neuesten Bildungsratgeber studieren, anstatt einfach zweckfrei zu spielen.

Besonders engagiert sind dabei diese neuen Väter. Die erwarten für zwei Monate Elternzeit einen vaterländischen Verdienstorden. Sie stellen jedes pädagogische Konzept der Kita in Frage, weil Frauen sowieso unlogisch sind. Dann lassen sie Erzieherinnen gönnerhaft wissen, dass es ja sooo wichtig sei für Kinder, nicht nur von Frauen erzogen zu werden. Sie mochten getätschelt und gelobt werden, weil sie kurzzeitig einspringen.

Sitzen sie dann wieder an ihrem Karriereschreibtisch, vergeht kein Tag, an dem sie nicht über WhatsApp in zweifelhafter Rechtschreibung Anweisungen für das Vorschultraining ihrer Sprösslinge in die Kita schicken. Kommt nicht postwendend eine Eingangsbestätigung, wird am Abend auf Facebook in der Elterngruppe die Qualifikation des Personals in Frage gestellt.

Am nächsten Morgen bringen sie dann ihr Kind bei Minustemperaturen in Sandalen zur Kita und wünschen dem frierenden Nachwuchs mit sich überschlagender Stimme einen "ganz, ganz tollen Tag, und gib Papi noch einen Kuss", immer darauf bedacht, dass die unbezahlte Kita-Praktikantin sie dafür unglaublich modern und sexy findet.

Ist der Streik für eine bessere Bezahlung berechtigt? Natürlich. Es ist Schmerzensgeld.

Der Autor ist Vater von drei Kindern.

Quelle: Der Spiegel 21/2015 Seite 44

Wiedergabe nur für persönliche, nicht-kommerzielle Zwecke.

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